2025 190 x 90 x 90 cm Buchenholz geschnitzt und bemalt Spiegel

Die Skulptur entstand als ironischer Kommentar zum Zustand des zeitgenössischen „alten weißen Mannes“ – einer Figur, die über Jahrhunderte hinweg die Norm und den Bezugspunkt in Kultur, Politik und Kunst darstellte und heute zunehmend ihre Brüche und inneren Widersprüche offenbart.
Das nach unten gerichtete Smartphone mit dem verängstigten Gesicht eines alten Mannes symbolisiert die Obsession, das eigene Bild und die eigene Erzählung zu kontrollieren. Dieses Selfie hält keine Stärke oder Selbstsicherheit fest, sondern enthüllt die Angst vor dem Verlust der eigenen Position. Das Gesicht im Sockel – deformiert, an das Maul eines Neunauges erinnernd – ist ein Spiegelbild desselben Antlitzes, nun jedoch entblößt, grotesk und maskenlos. Die Wahl des Neunauges ist bewusst: Wie dieses Tier, das sich an andere Lebewesen heftet und von ihnen zehrt, lebt auch die historische Figur des weißen Mannes in vielerlei Hinsicht parasitär – von der Ausbeutung kolonialisierter Gebiete über die Aneignung fremder Kulturen bis hin zur dauerhaften Inanspruchnahme ökonomischer und symbolischer Ressourcen.
Der serpentinenartige Körper, der beide Gesichter verbindet, verkörpert die verdrehte Logik, in der Macht und Autorität längst zur Karikatur geworden sind. Im Zentrum erscheinen überzeichnete männliche Genitalien – nicht als obszöne Geste, sondern als Kritik an der Fixierung auf Männlichkeit und deren symbolischer Rolle beim Aufbau von Dominanz. Dies verweist auf patriarchales Denken, in dem „Männlichkeit“ mit Stärke, Macht und dem Recht zur Durchsetzung der eigenen Ordnung gleichgesetzt wurde.
Das Werk lässt sich auch in eine postkoloniale Perspektive einordnen: Es zeigt, wie weiße Männer – von Politikern bis zu Künstlern – Erzählungen konstruierten, die ihre Dominanz über andere Kulturen und Gesellschaften rechtfertigten. In der Politik genügt ein Blick auf die gegenwärtigen Migrationsdebatten in Europa, in denen die Angst vor dem „Anderen“ oft mit einer Sprache aus dem 19. Jahrhundert artikuliert wird. Ebenso in den Vereinigten Staaten, wo Slogans wie „Make America Great Again“ eine nostalgische Sehnsucht nach einer Zeit der weißen männlichen Dominanz ausdrücken und dabei die Erfahrungen von Minderheiten oder Frauen ignorieren


Auch in der Kunstwelt zeigt sich diese Logik: Europäische Museen präsentierten jahrzehntelang geraubte Kunstwerke aus Afrika oder Asien, eingebettet in eine Erzählung „zivilisatorischer Überlegenheit“. Diese Praxis ähnelt dem parasitären Prinzip des Neunauges: das Festhalten am Körper des Anderen, um das eigene Überleben zu sichern. Die Skulptur verweist auf eben jene Logik – auf einen Blick des weißen Mannes, der den Anspruch erhebt, universell zu sein, in Wahrheit jedoch nur um seine eigenen Obsessionen und Ängste kreist.
„Selfie oder die verdrehte Logik des alten weißen Mannes“ ist daher nicht nur eine Satire, sondern auch eine Diagnose: ein Bild einer Macht, die sich noch immer durch Selbstdarstellung am Leben zu erhalten versucht, dabei jedoch ihre eigene Groteske nicht mehr verbergen kann. Ein Kommentar zu Politik, Kunst und Kultur, in denen die dominierende Figur des alten weißen Mannes weiterhin präsent ist, sich aber zunehmend nur noch als parasitäre Maske zeigt – verängstigt, unsicher, verdreht